Suchen

Entwicklung Mehrwert durch Virtuelle Realität

Autor / Redakteur: Julian Hermle / Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Durch virtuelle Service Checks in der Projektphase werden die Interessen des After Sales bereits während der Produktentwicklung berücksichtigt. Mit dem Einsatz der Virtual Reality-Technologie haben Fahrzeughersteller die Möglichkeit, frühzeitig eine wartungs- und reparaturgerechte Produktgestaltung sicherzustellen.

Firmen zum Thema

Mit dem Einsatz von virtueller Realität haben Fahrzeug-hersteller die Möglichkeit, frühzeitig eine wartungs- und reparaturgerechte Produktgestaltung sicherzustellen.
Mit dem Einsatz von virtueller Realität haben Fahrzeug-hersteller die Möglichkeit, frühzeitig eine wartungs- und reparaturgerechte Produktgestaltung sicherzustellen.
(Bild: CMC Engineers)

Der Faktor Service/After Sales hat in der Fahrzeugindustrie in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Dies lässt sich nicht zuletzt auf die zunehmende Gleichheit der Produkte und Leistungen sowie die allgemeine wirtschaftliche Lage zurückführen. Aus diesem Grund unterscheiden sich viele Unternehmen von ihrer Konkurrenz nur noch durch ihr Serviceangebot bzw. ihre Servicequalität.

Service als USP

So wird der Service in vielen Fällen zum zentralen Aspekt, wenn es um den Vertrieb und das Marketing von Fahrzeugen geht. Speziell der Bereich Nutzfahrzeuge ist hiervon betroffen, da die Fahrzeuge nur dann Geld verdienen, wenn Sie auf der Straße sind. Die sogenannte Total Cost of Ownership (TCO) spielt dabei eine größere Rolle als die reinen Anschaffungskosten. Dieser Wandel in der Unternehmensphilosophie führt deshalb auch zu einem Wandel in der Unternehmensstruktur und der Konzentration auf neue Methoden und Technologien.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 5 Bildern

Neue Arbeitsweise durch CAD-Daten-Zugriff

Im gesamten Entstehungsprozess eines Produktes ist es im klassischen Sinn der Produktentwicklung die Regel, dass Entwickler ein Produkt vorgeben. Der Vertrieb muss dann das vorgegebene Produkt bestmöglich vermarkten. Ebenfalls befasst sich der After Sales bisher erst mit dem Produkt, nachdem es endgültig definiert ist. Hier hat sich in den letzten Jahren ein Wandel der Unternehmenskultur vollzogen, der immer noch anhält: Bereiche außerhalb der Entwicklung erhalten vollständigen Zugriff auf Konstruktionsdaten, was speziell im Bereich After Sales völlig neue Vorgehensweisen ermöglicht. Durch die Entstehung einer solch neuen Arbeitsweise, stehen die verschiedenen Abteilungen vor ganz neuen Herausforderungen, um das bisher bewährte Vorgehen neu zu erfinden, die damit verbundenen Prozesse zu definieren und den massiv erhöhten Kommunikationsaufwand zu bewältigen.

Komplexität erfordert neue Methoden: virtuelles Service Engineering

Durch die stets komplexer werdende Technik werden höhere Ansprüche an den Kundendienst gestellt. Neue Technologien und Vorgehensweisen wie Virtual Reality (VR), Service Engineering und Digital Service Engineering werden für die Marktteilnehmer immer wichtiger. Der Fortschritt der Technik auf diesem Gebiet erlaubt es den Unternehmen, komplexe Systeme und Sachverhalte zu simulieren und für den Einsatz bzw. Gebrauch in der Realität optimal vorzubereiten. Eben eine solche neue Methode ist das virtuelle Service Engineering. Um die Einhaltung der Service-Ziele sicherzustellen, kann z.B. das virtuelle Modell eines Fahrzeuges, der sogenannte Digital Mock-Up (DMU), hinsichtlich der wartungs- und reparaturrelevanten Punkte untersucht werden.

Optimierung der Servicefähigkeit durch Service Checks

In Zusammenarbeit von Entwicklern und Service Spezialisten fließen aus regelmäßigen Service Checks die After Sales Anforderungen in die Produktentwicklung mit ein, lange bevor Prototypen oder sonstige Hardware zur Verfügung stehen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Durch das Vermeiden von kosten- und zeitintensiven Änderungsschleifen werden nicht nur die Entwicklungsziele besser erreicht, auch das fertige Produkt hat bei Markteintritt eine höhere Reife hinsichtlich seiner Servicequalität. Wichtige Bestandteile eines Service Checks sind dabei eine umfassende Anzahl von Kundenprüfpunkten, wie beispielsweise die Zugänglichkeit beim Leuchtmitteltausch oder diverse Kontrollpunkte im Motorraum. Aber auch relevante Wartungsumfänge sowie eine Vielzahl an bekannten Reparaturfällen werden am virtuellen Fahrzeug untersucht. Dabei wird besonderer Wert auf die Reihenfolge der Arbeitsschritte sowie den möglichst effizienten Aus- und Einbau von Bauteilen gelegt. Nichts ist ärgerlicher und kostenintensiver als das Zerlegen von vermeintlich unnötigen Komponenten, „nur“ um ein defektes Bauteil zu erreichen und mit wenigen Handgriffen zu ersetzen.

Interdisziplinäres Arbeiten und Ergonomie

Virtual Reality ermöglicht dabei, auf Basis der Konstruktionsdateien die Problemstellungen für alle Beteiligten sichtbar und erfahrbar zu machen. Interdisziplinär erarbeiten die Ingenieure und Kundendienstbeauftragte gemeinsame Lösungen. Interessant dabei ist die Möglichkeit, physikalische Simulationen oder auch reale Objekte wie Bauteile oder Werkzeuge in die Visualisierung zu integrieren. So können beispielsweise Kollisionsuntersuchungen oder Aus- und Einbauuntersuchungen äußerst realistisch abgeprüft werden. Ebenfalls immer wichtiger wird das Thema Ergonomie. Durch den Einsatz von interaktiven Menschmodellen können so die für den Fahrer oder Monteur optimalen Arbeitspositionen ermittelt werden.

Durch den demografischen Wandel unserer Gesellschaft werden diese Themen speziell für ältere Arbeitnehmer immer wichtiger. Doch profitieren alle Service-Mitarbeiter und nicht zuletzt der Kunde von einer Optimierung der Servicefähigkeit. Durch die bessere Zugänglichkeit und Montierbarkeit von Bauteilen wird nicht nur die Arbeit am Fahrzeug erleichtert. Aufgrund der kürzeren Dauer und damit geringeren Kosten für Wartung und Reparatur senkt ein Hersteller die bereits angesprochene Total Cost of Ownership und erhöht somit seine Wettbewerbsfähigkeit. Der positive Einfluss auf die Gesamtkosten eines Fahrzeugs stärkt damit die Stellung der eigenen Produkte im Wettbewerbsvergleich.

Dienstleistungskonzepte ermöglichen den Einstieg in VR

Durch die zunehmende Digitalisierung unserer Industrie und die Verfügbarkeit nahezu aller Produkte in Form von CAD-Daten, ist der Weg in die virtuellen Arbeitswelten bereitet. Dennoch wird das Thema Virtual Reality oftmals immer noch stiefmütterlich behandelt und vorsichtig betrachtet. Das liegt unter anderem an dem hohen Aufwand, in diese Form des Engineering einzusteigen. So gibt es für die Unternehmen bisher nur die Möglichkeit in eigene VR-Tools zu investieren. Selbst einfach gehaltene Systeme bewegen sich schnell in Bereichen jenseits der 100.000 Euro Marke.

Berücksichtigt man, dass sich der Einsatz von VR innerhalb bestehender Prozesse erst entwickeln muss, und der Bedarf an solchen Untersuchungen anfangs noch eher gering ist, so sind die Investitionskosten unverhältnismäßig gegenüber dem Nutzen. Genau hier betreten Serviceanbieter den Markt, welche eine umfangreiche, unabhängige Beratung gekoppelt mit einem kompletten Service-Paket im Bereich des VR Engineerings anbieten. Durch bedarfsgerechten Einsatz und optimale Begleitung wird somit der Nutzen der VR Technologie optimiert und beispielsweise kleineren und mittleren Unternehmen aus dem Mittelstand zugänglich gemacht.

Wie kann der Einstieg in diese Technologie aussehen?

Grundsätzlich gibt es zu der Frage der Einführung in das Thema Virtual Reality kein Patentrezept. Für Unerfahrene ist der Dschungel der verschiedenen Anbieter von Software, Hardware und Dienstleistung kaum zu durchblicken. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, sich professionell beraten zu lassen und das Thema VR projektbezogen anzugehen.

Im Klartext gesprochen bedeutet das, gemeinsam mit einem Serviceanbieter ein Pilotprojekt zu definieren und anhand dessen eine Evaluation der neuen Prozesse durchzuführen. Dafür bietet sich beispielsweise ein aktuelles Fahrzeugprojekt oder gegebenenfalls auch ein schwieriger Fall aus der Vergangenheit an. Verläuft dieses Pilotprojekt erfolgreich, können weitere Schritte in Richtung der eigenen VR-Installation unternommen werden.

Grundsätzlich gilt: Nur durch eine schrittweise Einführung und die richtige Beratung entwickelt sich der Einsatz der virtuellen Realität zu einem Erfolg innerhalb eines Unternehmens. Essenziell wichtig dabei ist, die betroffenen Mitarbeiter nicht mit zusätzlichen Verantwortlichkeiten zu belegen, sondern sie abzuholen und ihnen mit VR ein praktikables Werkzeug an die Hand zu geben. Mit der stetig steigenden Nutzung von Virtual Reality zeichnet sich in der Regel sehr schnell ein Return-on-Investment ab. (mz)

* Julian Hermle ist Geschäftsführer der CMC Engineers GmbH, Huelben.

(ID:43447834)