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Technik kurz erklärt Die Entwicklung des Normalsegelapparates

Autor: M.A. Bernhard Richter

In unserer Serie „Technik kurz erklärt“ stellen wir jede Woche ein Meisterwerk der Konstruktion vor. Heute: Der Normalsegelapparat

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Der Lilienthal Normalsegelapparat mit vergrößertem Seitenleitwerk im Juni 1895.
Der Lilienthal Normalsegelapparat mit vergrößertem Seitenleitwerk im Juni 1895.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Der Lilienthal-Normalsegelapparat ist ein von Otto Lilienthal Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entworfenes Segelflugzeug. Er gilt als das erste Flugzeug, das serienmäßig hergestellt und vertrieben wurde, wobei einige Exemplare zwischen 1893 und 1896 entstanden sind.

Es ist bekannt, dass neun Exemplare verkauft wurden, zu den Käufern gehören u..a der russische Mathematiker und Hydrodynamiker Nikolai Schukowsk und der US-amerikanische Medien-Tycoon William Randolph Hearst. Drei originale Normalsegelapparate befinden sich in Museen in London, Moskau und Washington. Ein Fragment ist in München erhalten. Ein ähnliches Segelflugzeug, der Sturmflügelapparat, wird im Technischen Museum in Wien aufbewahrt.

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Lilienthals Flüge mit diesem Segelflugzeug erreichten typischerweise eine Entfernung von 250 m von der Spitze eines von ihm errichteten Starthügels aus. Ein Bugrahmen oder "Prellbügel" diente dazu, den Aufprall im Falle eines Absturzes zu reduzieren. Später wurde der Normalsegelapparat zu einem Doppeldecker weiterentwickelt. Der Normalsegelapparat hatte eine Spannweite von 6,7 m, wog rund 20 kg und konnte zwecks einfacheren Transports zusammengeklappt werden.

Konstrukteur aus Leidenschaft

Während seiner kurzen Fliegerkarriere entwickelte Lilienthal rund ein Dutzend weitere Modelle von Eindeckern, Flügelschlag- und zwei Doppeldeckern. Seine Segelflugzeuge wurden sorgfältig konstruiert, um das Gewicht so gleichmäßig wie möglich zu verteilen und einen stabilen Flug zu gewährleisten. Lilienthal steuerte sie, indem er den Schwerpunkt durch Verlagerung seines Körpers veränderte, ähnlich wie bei modernen Hängegleitern.

Sie waren jedoch schwer zu manövrieren und neigten zum Sturzflug, der nur schwer abzufangen war. Ein Grund dafür war, dass er den Gleiter an den Schultern hielt, anstatt wie ein moderner Drachenflieger an ihm zu hängen. Nur seine Beine und sein Unterkörper konnten bewegt werden, was die Gewichtsverlagerung, die er erreichen konnte, stark einschränkte.

Letzter Flug und Vermächtnis

Lilienthal unternahm viele Versuche, die Stabilität zu verbessern, mit mäßigem Erfolg. Dazu gehörten die Herstellung eines Doppeldeckers, der die Flügelspannweite für eine Flügelfläche halbierte, und ein aufklappbares Höhenleitwerk, das sich nach oben bewegen konnte, um das Ausklappen am Ende eines Fluges zu erleichtern. Er spekulierte, dass Flügelschläge von Vögeln notwendig sein könnten und hatte mit der Arbeit an einem solchen Motorflugzeug begonnen.

Otto Lilienthal bei einem seiner gut dokumentierten Segelflugversuche in der Nähe von Berlin.
Otto Lilienthal bei einem seiner gut dokumentierten Segelflugversuche in der Nähe von Berlin.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Dazu kam es allerdings nicht mehr, denn am 9. August 1896 stürzte er bei einem Gleitflugversuch aus einer Höhe von 15 m ab. Lilienthal erlitt einen Bruch des dritten Halswirbels und wurde bewusstlos.

Noch am selben Tag wurde er in einem Güterzug zum Lehrter Bahnhof in Berlin und am nächsten Morgen in die Klinik von Ernst von Bergmann, einem der damals berühmtesten und erfolgreichsten Chirurgen Europas, transportiert. Vergebens - Lilienthal starb etwa 36 Stunden nach dem Absturz.

Über Lilienthals letzte Worte gibt es unterschiedliche Darstellungen. Die beliebte Aussage, dass die auf seinem Grabstein eingravierten Worte "Opfer müssen gebracht werden!" seine letzten waren, darf bezweifelt werden.

Ein authentischer Nachbau des Normalsegelapparats aus dem Otto-Lilienthal-Museum wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Windkanal- und Flugversuchen untersucht. Die Ergebnisse belegen, dass das Flugzeug beim Nicken und Rollen stabil war und in moderaten Höhen sicher geflogen werden kann.

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Über den Autor

M.A. Bernhard Richter

M.A. Bernhard Richter

Redakteur Online/Print/Video, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht