Plagiate

Gefälschte Wälzlager in Destillationsanlage sichergestellt

| Redakteur: Juliana Pfeiffer

Original Wälzlager: Der Anwender sollte immer bei zuverlässigen Quellen, d.h. bei den Vertriebspartnern der Wälzlagerhersteller, ordern.
Original Wälzlager: Der Anwender sollte immer bei zuverlässigen Quellen, d.h. bei den Vertriebspartnern der Wälzlagerhersteller, ordern. (Bild: NSK)

Der Lehrstuhl für Verfahrenstechnik an der TU Dortmund hat in Kooperation mit einer chinesischen Universität eine Destillationsanlage entwickelt. Die Technikumsanlage wurde beim chinesischen Partner gebaut. Als sie in Dortmund zum Einsatz kam, traten unerwartete Probleme auf. Der Grund: bei den verbauten Wälzlagern handelte es sich um eine Fälschung.

Die Destillation ist ein bewährtes Verfahren, um Bestandteile einer Flüssigkeit zu trennen. Dabei nutzt man deren unterschiedliche Siedepunkte. Die Reinheit der Fraktionen steigt, desto häufiger der Prozess wiederholt wird. Im industriellen Einsatz dieses Verfahrens kann der Platzbedarf der Kolonnen allerdings für Restriktionen sorgen.

Aus diesen Gründen entwickelte die TU Dortmund eine platzsparende Destillati-onsanlage, deren Grundprinzip – Unterstützung der Destillation durch Rotation – bereits in der ostasiatischen Chemieindustrie genutzt wird. Deshalb arbeiteten die Forscher mit einer chinesischen Universität zusammen und entschieden, dass die dreistufige Pilotanlage mit einem Rotordurchmesser von rund 90 cm in China gebaut wird.

Hörbare Klopfgeräusche im Antriebsstrang

Nach den Abnahmetests in China wurde die Anlage nach Dortmund transportiert und im Technikum des Lehrstuhls aufgebaut. Aber schon bei den ersten Testläufen zeigten sich Probleme. Nach weniger als zwanzig Minuten gab es im Antriebsstrang – der nur mit halber Geschwindigkeit lief – hörbare Klopfgeräusche.

Der Rotor der Anlage wird von einem 5 kW-Motor angetrieben, der über Keilriemen mit der zentralen vertikalen Welle verbunden ist. Die Welle läuft mit maximal 750 min-1. Sie wird unten durch ein Kugellager und oben durch zwei Kegelrollenlager gestützt, die auch axiale Kräfte aufnehmen.

Die erste Vermutung der Ingenieure lautete, dass sich bewegte Teile berührten. Daraufhin wurden die Rotoren abgebaut, das Klopfen aber blieb. Also wurde der Antrieb selbst demontiert, aber die Ursache für die Geräusche konnten immer noch nicht identifiziert werden.

Verdacht auf Konstruktionsfehler der Kegelrollenlager

Nun bauten die Ingenieure der TU Dortmund die Wälzlager aus und kontaktierten deren (vermeintlichen) Hersteller NSK. Nach Bereitstellung einiger Daten wurden als erste mögliche Ursache ein Konstruktionsfehler und eine Verspannung der Kegelrollenlager ausgemacht. Daraufhin wurde das Design angepasst und die Kegelrollenlager wurden mit einer größeren Lagerluft versehen. Aber nachdem der Antrieb wieder zusammengebaut und einem Testlauf unterzogen wurde, konnte man keine wesentliche Verbesserung feststellen. Zudem ergab sich bei einem Testlauf des Antriebs ohne Zentrifuge eine Temperaturerhöhung der Welle bis auf 80 oC bereits nach anderthalb Stunden, und die Welle lief vermutlich aufgrund der Wärmeausdehnung fest.

Detailaufnahmen der Lager kamen Fälschung auf die Spur

Nun rückte die Qualität der Kegelrollenlager vom Typ HR 30322J in den Blick. Detailaufnahmen der Lager wurde an NSK gesandt, und dann war die Ursache klar: Bei den Lagern handelte es sich um Fälschungen. Die Fälscher hatten sich mit der Optik der Lager große Mühe gegeben. Selbst der NSK-Schriftzug sah täuschend echt aus. Am ehesten war der Unterschied zwischen Original und Fälschung noch an der Bearbeitungsqualität einzelner Lagerkomponenten zu erkennen.

Die TU Dortmund orderte neue Lager über einen autorisierten NSK-Vertriebspartner und baute sie ein. Testläufe zeigten, dass die Temperatur von Lagern und Welle auch nach neun Stunden Dauerbetrieb unterhalb der Umgebungstemperatur blieb. Grund dafür ist die wesentlich höhere Qualität von Werkstoff und Verarbeitung der Original-NSK-Lager. Die Kühlung des Antriebs konnte nun ihre Funktion ausspielen, und Klopfgeräusche waren nicht mehr zu hören.

Ärgerlicher Zeitverlust für TU Dortmund

Der unwissentliche Einsatz der gefälschten Wälzlager führte bei der TU Dortmund zu ärgerlichem Zeitverlust. Wenn es sich um eine sicherheitsgerichtete Lager-Anwendung gehandelt hätte, wären die Konsequenzen unter Umständen noch gravierender gewesen. So oder so – der Schluss, der daraus zu ziehen ist, liegt auf der Hand: Der Anwender sollte immer bei zuverlässigen Quellen, d.h. bei den Vertriebspartnern der Wälzlagerhersteller, ordern.

Das Beispiel zeigt auch, dass die Bemühungen der Lagerhersteller, gegen Plagiate vorzugehen, im Sinne der Kunden und Anwender sind. NSK hat sich u.a. der World Bearing Association (WBA) angeschlossen und unterstützt die Anwender bei der Identifizierung gefälschter Wälzlager. (jup)

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